Abendstunde

Die Sonne scheint noch
Als der Kater
behende um die Ecke biegt.

Ein weisser Blitz
der ohne Zoegern
die schnellste Taube noch besiegt.

Der Mond steht weiss
am Himmelszelt,
schaut auf den Jaeger nieder.

Der kennt das Spiel
und weiss, die Nacht
kommt jeden Abend wieder.

(Da mein Kater ein waschechter Jerusalemer ist, gehoert das Gedicht hierher)

Geschaeftsschluss

Es war frueher Abend. Martin war auf dem Weg zu einem Freund. „Bring ein Video mit“, hatte Abdallah gesagt. Martin kannte ein kleines Internetcafe, das direkt bei ihm um die Ecke war. Dort gab es besonders guenstige DVDs. Natuerlich Raubkopien, das wusste hier jeder. Aber was spielte das schon fuer eine Rolle, wenn niemand das Geld hatte, sich die Originale zu kaufen. Und selbst im Filmverleih kostete der Tag 40 NIS, das waren zehn bis 15 Shekel mehr, als eine Raubkopie. Und die hatte man fuer immer. Manchmal, wenn der Film ihm nicht gefiel, konnte Martin ihn sogar umtauschen. Das war der Vorteil, wenn man den Besitzer kannte.

Martin musste sich beeilen, denn in der Altstadt schlossen die meisten Geschaefte mit Einbruch der Dunkelheit. Und er wollte noch schnell eine Flasche Cola und ein paar geroestete Melonenkerne kaufen. Das Geschaeft, in dem es die besten Nuesse und Kerne Jerusalems gab, lag direkt auf seinem Weg. Aber er konnte schon von weitem sehen, dass die Tueren geschlossen waren. Martin aergerte sich. Als er naeher kam, sah er eine Touristin vor dem Geschaeft stehen. Sie sah ein wenig ratlos aus. Wahrscheinlich hatte auch sie sich auf ein paar geroestete Nuesse gefreut.

Zwischen den Tuerspalten schien Licht durch. Es war also noch jemand im Geschaeft. Martin laechelte der Touristin zu und klopfte an die metallene Tuer. Das Geraeusch war lauter als erwartet und wurde durch das Metall noch verstaerkt. Die Touristin zucke ein wenig zusammen. Es schien, als wuesste sie nicht genau, wie sie reagieren sollte. Martin kannte das. Ein Grossteil der Maenner hier wuerden so eine Situation ausnutzen und die junge Frau zu einem Tee einladen. Am Ende kam es fast immer zu sehr unangenehmen Situationen fuer die Touristen, die das Verhalten der arabischen Maenner nicht gewohnt waren. Aber Martin war selbst nur an seinen Melonenkernen interessiert.

Und tatsaechlich oeffnet auf sein Klopfen jemand die Tuer. Es war Yousef, ein Freund von ihm, der anscheinend seit neustem hier aushalf. „Gut, dass Du noch hier bist. Ich bin auf dem Weg zu Abdallah und wollte noch schnell ein paar Melonenkerne kaufen. Ich glaube, die Kleine da will auch etwas. Aber sie traut sich nicht“. Dann sagte er in fliessendem Englisch: „Kein Problem. Das ist mein Freund. Der macht uns nochmal die Kasse auf. Was moechtest Du denn kaufen?“ Zoegernd suchte die Touristin ein paar saure Gummischlangen und etwas Lakritz aus, bedankte sich mit einem kurzen Laecheln und verschwand. Auch Martin bezahlte und machte sich auf den Weg zu Abdallah.

Guten Morgen, Jerusalem


Voll Lust
wandel ich durch Deine Strassen
Und es erbeben meine Glieder
in freudiger Erwartung.

Noch schweigen die engen Gassen
und mein Schritt hallt weit
und eilt Dir entgegen.

Sonnige Strahlen erleuchten
Deine uraltgoldenen Steine
und ein glutroter Himmel
woelbt sich ueber der heiligen Stadt.

Leise durchstreift ein zartes Wirren
die Gaenge
und wispert lautlos
„Es ist soweit“.

Laeden klappern
und Tueren
die Sonne dringt nur spaerlich
durch die Haeuserdaecher herab.

Langsam fuelln sich die Strassen
Menschen, Geraeusche, Gerueche
kommen hervor.

Ich lache und tanze
in der Mitte des Stromes
Dir zur Begruessung,
Jerusalem.

26.11.01

Familienangelegenheit

Gestern Abend bin ich mit meinem Freund nach Bethlehem gefahren. Bethlehem liegt, wenn es wenig Verkehr gibt, eine viertel Stunde Autofahrt von Jerusalem entfernt. Getrennt wird es „nur“ durch einen Checkpoint und die neue Mauer, die unerbittlich Jerusalem und Bethlehem, Israel und Palaestina, Freunde und Bekannte, Schwestern und Brueder, Eltern und Kinder von einander trennt. Nur einen Steinwurf entfernt von der Mauer befinden sich Jerusalems arabische Vororte. Hinter der Mauer faengt eine andere Welt an. Der neue Checkpoint, der einmal ein internationaler Grenzuebergang werden soll, ist gewaltig. Und erinnert ein wenig an den Eingang zu einem Hochsicherheitsgefaengnis.

Aber wir fahren ueber Beit Jala. Dort ist die Mauer noch nicht fertig, und am Checkpoint wird kaum kontrolliert. Wir fahren durch den Tunnel auf einer breiten Strasse, die nach Hebron fuehrt, aber auch zu den grossen israelischen Siedlungen. Hinter dem Checkpoint biegen wir links in eine kleine, holprige Strasse ein. Sie ist unbeleuchtet und windet sich kurvig eine Anhoehe hinauf, bis zum Eingang nach Beit Jala. Verlassene Wachhaeuschen und die breite Aufschrift „Achtung, Grenzpolizei“ begruessen uns. Dann fahren wir quer durch Beit Jala nach Bethlehem. Die hauptsaechlich von Christen bewohnte Stadt ist am Hang gelegen und erinnert ein wenig an die kleinen pittoresquen Doerfer am Mittelmeer. Kleine Haeuser mit Balkonen schmiegen sich an die Haenge von Beit Jala. Katzen rennen im Schutze der Dunkelheit von Hausecke zu Hausecke. Ich mag Beit Jala. Wuerde es sich nicht auf der „falschen“ Seite der Mauer befinden, ich koennte mir fast vorstellen, hier zu leben.

In Bethlehem begruesst uns schwanzwedelnd der Hund des Hauses. Ein huebsches Tier mit einem dichten Fell. Sandfarben, wie die Wueste. Es gibt starkt gesuessten Tee. Im Hintergrund laeuft, wie in diesem Land fast ueberall, der Fernseher. Wir sitzen auf den grosszuegigen Sofas und versuchen, eine unverfaengliche Konversion zu beginnen. Dabei warten wir alle auf das Eintreffen des Onkels und eines weisen Mannes, eines Vermittlers.

Der Cousin moechte seine Verlobung loesen. Ich koennte jetzt sagen, ich habe gleich gewusst, dass das nicht funktioniert. Die Verlobte ist 17 Jahre alt, der Cousin 27. In meinen Augen ist das Wahnsinn. Aber ich schweige lieber. Ich moechte mich nicht unbeliebt machen. Ausserdem gehoere ich nicht zur Familie und habe daher auch nichts zu sagen. Davon abgesehen verstehen sie ohnehin kein Englisch. Und mein Arabisch reicht nicht fuer solche Themen aus. Niemand hier moechte, dass die Verlobung geloest wird. Nur die beiden Verlobten. Denn die Feier hat viel Geld gekostet, und hier hat niemand genug, um so eine Verlobung beliebig zu wiederholen. Ueberhaupt dreht es sich hier ums Geld. Die Verlobte hat sich beschwert, dass ihr Versprochener nicht genug Geld hat. Sie wuenscht sich Kleider, Ausgehen, ein Haus. Dabei geht sie selbst noch zur Schule und steuert mit keinem Shekel zu der Erfuellung dieser Wuensche bei. Der Cousin kennt sich mit Frauen nicht aus. Er hat nur einen Bruder, und noch nie eine Freundin gehabt. Man hat in dieser Kultur keine Freundin, sondern verlobt sich direkt. Dann wird geheiratet. Das hoere ich immer wieder von meinem Freund.

Wie erklaert er sich dann meine Existenz?

Jetzt soll die Verlobung gerettet werden. Alle erklaeren dem Cousin, wie er sich verhalten soll, wie er mit seiner Verlobten reden soll. Die richtigen Worte waehlen. Und ich frage mich, ob all die Worte, die ich im letzten Jahr gehoert habe, auch nur Taktik waren.

Baby Gecko

Es ist verhaeltnismaessig kuehl heute. Die Sonne scheint immer noch von einem strahlend blauen Himmel, aber ueber Nacht ist es kalt geworden. Den ganzen Abend hing Nebel ueber der Stadt, vor allem unten, in der Innenstadt, wo auch unser Buero liegt. Eine leichte Feuchtigkeit ist in alle Ecken gekrochen und durch die Fenster sogar in die Wohnungen. Der goldene Jerusalemer Stein ist abgekuehlt und hat die Waerme des Tages schon am fruehen Abend abgegeben.

Vielleicht ist das der Grund, warum der kleine Gecko sich in unser Buero verirrt hat. Ploetzlich sass er da, auf den Fliesen, und ich haette ihn beinahe noch zertreten. Kurz bevor meine Sandale ihn zerdrueckt, huscht er ein kleines Stueckchen zur Seite. Jetzt sitzt er vor mir auf den weissen Kacheln, die Marlene heute morgen geputzt hat und bewegt sich nicht mehr. Selbst wenn ich genau hinschaue, kann ich nicht sehen, ob er atmet. Haette ich nicht eben noch gesehen, wie er vor meinem toedlichen Fuss gefluechtet ist, wuerde ich annehmen, er waere tot. Der kleine Gecko ist hoechstens zwei, drei Zentimenter lang, einschliesslich seines duennen Schwanzes. Er muss noch ein Baby sein. Aber wo ist die Mutter? Im Buero kann ich sie nicht finden. Wahrscheinlich ist er ganz unauffaellig zur Tuere hineingehuscht, waehrend Marlene am putzen war. Wir haben die Tuer dann immer offen, damit der Boden schneller wieder trocknet.

Der Baby Gecko scheint keine Angst vor mir zu haben. Selbst wenn ich ganz nah an ihn herangehe, bewegt er sich nicht. Nur auf meine Hand moechte er nicht klettern. Bei dem Versuch, ihn zu fassen, rueckt er ein wenig von mir ab. Er hat zarte, feingliedrige Fuesse, mit denen er auch an glatten Haeuserwaende heraufwandern kann. So muss er auch ueber die Stufe am Eingang gelangt sein. Dunkelrote Streifen zieren seinen schmalen Ruecken abwechselnd mit schwarzen.

Es ist ein wunderschoenes Tier, das dort vor mir sitzt. Um es zu ueberlisten, schiebe ich ein Stueck Papier vor ihm auf den Boden und helfe mit meiner Hand ein wenig nach. Schon sitzt der Gecko auf dem Papier und kann nach draussen gebracht werden. Etwas verdutzt sieht er aus, als er die kuehle Luft wittert. So verweilt er noch kurz auf dem kalten Boden und huscht dann in eine Mauerspalte davon.

Viel Glueck, kleiner Gecko!

Sommernacht

Es ist Abend geworden in Jerusalem. Ein leichter Nebelschleier hat sich über die Berge der Stadt gelegt. Kühle, feuchte Luft umgibt mich auf dem Heimweg. Es riecht nach Erde, Jasmin und Rasensprenklern. Die Stadt liegt ruhig und gelassen zu meinen Füßen an diesem Abend, an dem ich auf der Kuppe von French Hill stehe und auf die Lichter der Stadt hinunterschaue. Der heiße Tag ist abgeklungen, nichts erinnert daran, daß Jerusalem sich mitten in der Wüste befindet. Die geliebte Stadt hat sich schlafen gelegt in einer ungewöhlich erholsamen Nacht. Ungewohnte Ruhe umgibt die abendlichen Spaziergänger. Nur der Muezzin ruft von seinem Minarett im Osten der Stadt zum Gebet. Der dunkle Himmel ist klar. Es ist Sommer. Keine Wolke verdeckt dem Mond und das Sternenzelt, das sich über mir wölbt. Ungehindert blinkern tausende Sterne über den Schlafenden. Eine streunende Katze springt aus dem Gebüsch, aufgeschreckt vom Geräusch meiner Schritte. Jerusalem – Stadt des Friedens… an diesem Sommerabend könnte man beinahe daran glauben. Alles ist so still und friedlich, als wäre Jerusalem nur eine Stadt unter vielen. Aber ich weiß es besser. Meine Stadt, die so besonders ist, daß jeder sie nur für sich haben will, wie eine besonders schöne Frau. Tausende sind für sie gestorben, und Tausende sind auch weiterhin bereit, ihr ihr Leben zu Füßen zu legen. Herzen und Seelen sind ihr verfallen. Sie können nicht mit ihr, aber auch nicht ohne sie leben. So viele sind gekommen, Ihre Geheimnisse zu ergründen. Und dennoch ist sie weiterhin geheimnisumwittert. Schätze sollen in ihrer Erde begraben liegen, in ihren Tunneln versteckt. Seite an Seite mit den Knochen von Königen und Heiligen liegen Diebe und Bettler begraben. Blumen aller Arten bedecken die von Blut getränkte Erde und betören durch ihre Schönheit und ihren Duft. Jeder Zentimeter ihres Bodens ist Geschichte. Propheten haben die Wege genommen, die ich heute gehe, haben vielleicht ebenfalls in einer kühlen Sommernacht auf den Hügeln halt gemacht und auf die Heilige Stadt geschaut. In ihrer ganzen Schönheit liegt sie vor mir, präsentiert sich mir jedesmal von neuen, aus einer anderen Sicht. Niemals sollte sie mir zur Gewohnheit werden. Jeden Tag aufs Neue sollte ich sie zu schätzen lernen, ihre Schönheit loben und ihr Respekt zollen.

Sommer

Eigentlich muesste es bald Hochsommer sein in Jerusalem.
Dann flimmert die Luft ueber dem schwarzen Asphalt und die Hitze macht nicht nur Menschen und Tiere, sondern sogar die Baeume traege, die ihre Aeste nur schwerfaellig im Wuestenwind bewegen und jeder Anstrengung trotzen.

Doch heute ist es angenehm warm. Die Sonne strahlt von einem Himmel, dessen klares Blau keine einzige Wolke aufzuweisen hat. Im Schulhof kreischen und lachen die Maedchen und jagen sich von einer Seite des Hofes zur anderen. Niemand sitzt im Schatten der kuehlen Mauern alter Gebauede, sondern noch sind alle froh ueber die Sonne. Wohltuend waermt sie und streichelt die Haut. Ganz langsam findet sich auch die Sommerbraeune wieder ein. Die Voegel singen in den Wipfeln der Zypressen und Pinien um die Wette, so als muessten sie das schoene Wetter zum Singen nutzen, bevor die Hitze ihnen die Kehlen austrocknen wird.

Auf der Strasse sitzen Haendler, alte Frauen in bunten Kleidern und Kopftuechern, und verkaufen Weinblaetter, noch ungefuellt und frisch, und in Oel eingelegte schwarze Oliven. An einem der Marktstaende gibt es bereits die ersten Kirschen zu kaufen, wenn auch noch zu horrenden Preisen. Die Erdebeersaison ist leider vorbei. Aber Gott-Sei-Dank habe ich in weiser Voraussicht bereits einige Glaeser Marmelade eingekocht. Dafuer gibt es an jeder Ecke Weintrauben, deren Suesse sich zart auf der Zunge ausbreitet und das Verlangen nach mehr erweckt. Rund und schwer liegen grossen Wassermelonen auf der Erde vor den Marktleuten. Aber wie soll ich diese Riesen nach Hause tragen? Hier isst man Wassermelonen mit weissem, salzigen Kaese. Auch den gibt es selbstverstaendlich auf dem Markt zu kaufen. Am Anfang vielleicht etwas ungewohnt, schmeckt diese Mischung dennoch sehr gut.