Sommernacht

Es ist Abend geworden in Jerusalem. Ein leichter Nebelschleier hat sich über die Berge der Stadt gelegt. Kühle, feuchte Luft umgibt mich auf dem Heimweg. Es riecht nach Erde, Jasmin und Rasensprenklern. Die Stadt liegt ruhig und gelassen zu meinen Füßen an diesem Abend, an dem ich auf der Kuppe von French Hill stehe und auf die Lichter der Stadt hinunterschaue. Der heiße Tag ist abgeklungen, nichts erinnert daran, daß Jerusalem sich mitten in der Wüste befindet. Die geliebte Stadt hat sich schlafen gelegt in einer ungewöhlich erholsamen Nacht. Ungewohnte Ruhe umgibt die abendlichen Spaziergänger. Nur der Muezzin ruft von seinem Minarett im Osten der Stadt zum Gebet. Der dunkle Himmel ist klar. Es ist Sommer. Keine Wolke verdeckt dem Mond und das Sternenzelt, das sich über mir wölbt. Ungehindert blinkern tausende Sterne über den Schlafenden. Eine streunende Katze springt aus dem Gebüsch, aufgeschreckt vom Geräusch meiner Schritte. Jerusalem – Stadt des Friedens… an diesem Sommerabend könnte man beinahe daran glauben. Alles ist so still und friedlich, als wäre Jerusalem nur eine Stadt unter vielen. Aber ich weiß es besser. Meine Stadt, die so besonders ist, daß jeder sie nur für sich haben will, wie eine besonders schöne Frau. Tausende sind für sie gestorben, und Tausende sind auch weiterhin bereit, ihr ihr Leben zu Füßen zu legen. Herzen und Seelen sind ihr verfallen. Sie können nicht mit ihr, aber auch nicht ohne sie leben. So viele sind gekommen, Ihre Geheimnisse zu ergründen. Und dennoch ist sie weiterhin geheimnisumwittert. Schätze sollen in ihrer Erde begraben liegen, in ihren Tunneln versteckt. Seite an Seite mit den Knochen von Königen und Heiligen liegen Diebe und Bettler begraben. Blumen aller Arten bedecken die von Blut getränkte Erde und betören durch ihre Schönheit und ihren Duft. Jeder Zentimeter ihres Bodens ist Geschichte. Propheten haben die Wege genommen, die ich heute gehe, haben vielleicht ebenfalls in einer kühlen Sommernacht auf den Hügeln halt gemacht und auf die Heilige Stadt geschaut. In ihrer ganzen Schönheit liegt sie vor mir, präsentiert sich mir jedesmal von neuen, aus einer anderen Sicht. Niemals sollte sie mir zur Gewohnheit werden. Jeden Tag aufs Neue sollte ich sie zu schätzen lernen, ihre Schönheit loben und ihr Respekt zollen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s