Familienangelegenheit

Gestern Abend bin ich mit meinem Freund nach Bethlehem gefahren. Bethlehem liegt, wenn es wenig Verkehr gibt, eine viertel Stunde Autofahrt von Jerusalem entfernt. Getrennt wird es „nur“ durch einen Checkpoint und die neue Mauer, die unerbittlich Jerusalem und Bethlehem, Israel und Palaestina, Freunde und Bekannte, Schwestern und Brueder, Eltern und Kinder von einander trennt. Nur einen Steinwurf entfernt von der Mauer befinden sich Jerusalems arabische Vororte. Hinter der Mauer faengt eine andere Welt an. Der neue Checkpoint, der einmal ein internationaler Grenzuebergang werden soll, ist gewaltig. Und erinnert ein wenig an den Eingang zu einem Hochsicherheitsgefaengnis.

Aber wir fahren ueber Beit Jala. Dort ist die Mauer noch nicht fertig, und am Checkpoint wird kaum kontrolliert. Wir fahren durch den Tunnel auf einer breiten Strasse, die nach Hebron fuehrt, aber auch zu den grossen israelischen Siedlungen. Hinter dem Checkpoint biegen wir links in eine kleine, holprige Strasse ein. Sie ist unbeleuchtet und windet sich kurvig eine Anhoehe hinauf, bis zum Eingang nach Beit Jala. Verlassene Wachhaeuschen und die breite Aufschrift „Achtung, Grenzpolizei“ begruessen uns. Dann fahren wir quer durch Beit Jala nach Bethlehem. Die hauptsaechlich von Christen bewohnte Stadt ist am Hang gelegen und erinnert ein wenig an die kleinen pittoresquen Doerfer am Mittelmeer. Kleine Haeuser mit Balkonen schmiegen sich an die Haenge von Beit Jala. Katzen rennen im Schutze der Dunkelheit von Hausecke zu Hausecke. Ich mag Beit Jala. Wuerde es sich nicht auf der „falschen“ Seite der Mauer befinden, ich koennte mir fast vorstellen, hier zu leben.

In Bethlehem begruesst uns schwanzwedelnd der Hund des Hauses. Ein huebsches Tier mit einem dichten Fell. Sandfarben, wie die Wueste. Es gibt starkt gesuessten Tee. Im Hintergrund laeuft, wie in diesem Land fast ueberall, der Fernseher. Wir sitzen auf den grosszuegigen Sofas und versuchen, eine unverfaengliche Konversion zu beginnen. Dabei warten wir alle auf das Eintreffen des Onkels und eines weisen Mannes, eines Vermittlers.

Der Cousin moechte seine Verlobung loesen. Ich koennte jetzt sagen, ich habe gleich gewusst, dass das nicht funktioniert. Die Verlobte ist 17 Jahre alt, der Cousin 27. In meinen Augen ist das Wahnsinn. Aber ich schweige lieber. Ich moechte mich nicht unbeliebt machen. Ausserdem gehoere ich nicht zur Familie und habe daher auch nichts zu sagen. Davon abgesehen verstehen sie ohnehin kein Englisch. Und mein Arabisch reicht nicht fuer solche Themen aus. Niemand hier moechte, dass die Verlobung geloest wird. Nur die beiden Verlobten. Denn die Feier hat viel Geld gekostet, und hier hat niemand genug, um so eine Verlobung beliebig zu wiederholen. Ueberhaupt dreht es sich hier ums Geld. Die Verlobte hat sich beschwert, dass ihr Versprochener nicht genug Geld hat. Sie wuenscht sich Kleider, Ausgehen, ein Haus. Dabei geht sie selbst noch zur Schule und steuert mit keinem Shekel zu der Erfuellung dieser Wuensche bei. Der Cousin kennt sich mit Frauen nicht aus. Er hat nur einen Bruder, und noch nie eine Freundin gehabt. Man hat in dieser Kultur keine Freundin, sondern verlobt sich direkt. Dann wird geheiratet. Das hoere ich immer wieder von meinem Freund.

Wie erklaert er sich dann meine Existenz?

Jetzt soll die Verlobung gerettet werden. Alle erklaeren dem Cousin, wie er sich verhalten soll, wie er mit seiner Verlobten reden soll. Die richtigen Worte waehlen. Und ich frage mich, ob all die Worte, die ich im letzten Jahr gehoert habe, auch nur Taktik waren.

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8 Gedanken zu “Familienangelegenheit

  1. Das klingt alles wir Kuhhandel. Aber so ist der Unterschied in den Kulturen. Obwohl, wenn es ums Geld geht, dann verwischen die Unterschiede ganz schnell wieder. Smile! Ich hoffe, Du hast Dich bisher nie selbst fragen müssen, wie viele Kamele Du wert bist. Augenzwinker!

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  2. Mich wollte in Jordanien tatsaechlich schon mal jemand kaufen… Hat mein damaliger Freund zum Glueck nicht mitgemacht.
    Der besagte Cousin verlobt sich demnaechst uebrigens zum zweiten Mal. Der reine Wahnsinn!

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  3. So lange man die Verlobung noch ohne Probleme loesen kann, haben sie ja Glueck gehabt.

    Ich bin ganz und gar nicht fuer einen promiskuitiven Lebenswandel, im Gegenteil, aber man sollte sich den Mann/die Frau den/die man heiratet schon gut aussuchen. Dazu gehoert auch dass man nicht den ersten heiratet der sich einem anbietetn so lange man es nicht ganz sicher im Herzen spuert dass er Der Eine ist…

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    1. Da gebe ich Dir vollkommen recht. Aber hier laeuft das halt alles etwas anders. Und da geht es nicht so sehr ums Herz, sondern eher darum, aus welcher Familie jemanden kommt etc. Komischerweise gehen die meisten dieser Ehen am Ende gut. Vielleicht, weil man nicht so viel erwartet, und weil man nie enttaeuscht werden kann, wenn die Schmetterlinge im Bauch mal schlafen…

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      1. Ich kann mir vorstellen dass man eher etwas akzeptiert mit dem man aufwaechst. Die eigenen Eltern haben sich so kennen gelernt, die erste Liebe so wie wir sie erleben kennt man dort womoeglich gar nicht und kann sie folglich auch nicht vermissen?

        Wir wachsen ja auch damit auf dass von uns erwartet wird 8 Stunden die WOche zu arbeiten. Obwohl es uns nicht gefaellt finden wir uns ja auch (meistens) damit ab waehrend der Gedanke daran Menschen in anderen Kulturen sicher ein Greuel waere…

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      2. Eben. Jede Kultur hat ihre eigenen Gesetze und Ehrenkodexe die woanders undenkbar sind.

        Auf der anderen Seite kann man natuerlich auch sagen – wo nichts hinterfragt gibt, kann es keinen Fortschritt geben…

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