Geschaeftsschluss

Es war frueher Abend. Martin war auf dem Weg zu einem Freund. „Bring ein Video mit“, hatte Abdallah gesagt. Martin kannte ein kleines Internetcafe, das direkt bei ihm um die Ecke war. Dort gab es besonders guenstige DVDs. Natuerlich Raubkopien, das wusste hier jeder. Aber was spielte das schon fuer eine Rolle, wenn niemand das Geld hatte, sich die Originale zu kaufen. Und selbst im Filmverleih kostete der Tag 40 NIS, das waren zehn bis 15 Shekel mehr, als eine Raubkopie. Und die hatte man fuer immer. Manchmal, wenn der Film ihm nicht gefiel, konnte Martin ihn sogar umtauschen. Das war der Vorteil, wenn man den Besitzer kannte.

Martin musste sich beeilen, denn in der Altstadt schlossen die meisten Geschaefte mit Einbruch der Dunkelheit. Und er wollte noch schnell eine Flasche Cola und ein paar geroestete Melonenkerne kaufen. Das Geschaeft, in dem es die besten Nuesse und Kerne Jerusalems gab, lag direkt auf seinem Weg. Aber er konnte schon von weitem sehen, dass die Tueren geschlossen waren. Martin aergerte sich. Als er naeher kam, sah er eine Touristin vor dem Geschaeft stehen. Sie sah ein wenig ratlos aus. Wahrscheinlich hatte auch sie sich auf ein paar geroestete Nuesse gefreut.

Zwischen den Tuerspalten schien Licht durch. Es war also noch jemand im Geschaeft. Martin laechelte der Touristin zu und klopfte an die metallene Tuer. Das Geraeusch war lauter als erwartet und wurde durch das Metall noch verstaerkt. Die Touristin zucke ein wenig zusammen. Es schien, als wuesste sie nicht genau, wie sie reagieren sollte. Martin kannte das. Ein Grossteil der Maenner hier wuerden so eine Situation ausnutzen und die junge Frau zu einem Tee einladen. Am Ende kam es fast immer zu sehr unangenehmen Situationen fuer die Touristen, die das Verhalten der arabischen Maenner nicht gewohnt waren. Aber Martin war selbst nur an seinen Melonenkernen interessiert.

Und tatsaechlich oeffnet auf sein Klopfen jemand die Tuer. Es war Yousef, ein Freund von ihm, der anscheinend seit neustem hier aushalf. „Gut, dass Du noch hier bist. Ich bin auf dem Weg zu Abdallah und wollte noch schnell ein paar Melonenkerne kaufen. Ich glaube, die Kleine da will auch etwas. Aber sie traut sich nicht“. Dann sagte er in fliessendem Englisch: „Kein Problem. Das ist mein Freund. Der macht uns nochmal die Kasse auf. Was moechtest Du denn kaufen?“ Zoegernd suchte die Touristin ein paar saure Gummischlangen und etwas Lakritz aus, bedankte sich mit einem kurzen Laecheln und verschwand. Auch Martin bezahlte und machte sich auf den Weg zu Abdallah.

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