Ramaddan 2004

Es ist Ramaddan. Das Damaskustor der Altstadt von Jerusalem ist mit bunten Lichterketten geschmueckt. Es sieht fast wie Weihnachten aus. Aber die festliche Stimmung ist gedrueckt. Denn heute ist Freitag, und die Israelische Regierung geht davon aus, dass sich tausende Pilger versammeln werden, um am Tempelberg zu beten. Daher ist die ganze Altstadt abgeriegelt. In jeder Zufahrtsstrasse und auf jedem Weg kuenden Polizeibeamte und Soldaten von der Besatzungsmacht. Jeder, der die Altstadt betreten will, muss an ihnen vorbei. Und fast jeder wird angehalten, muss seinen Ausweis zeigen, um durchgelassen zu werden. Ich habe Glueck. Ich bin eine Frau und Auslaenderin. Wieder einmal sehe ich, dass dies das Leben auch vereinfachen kann. Und fuehle mich beinah schuldig. Und dennoch schleicht sich das Gefuehl eines Triumphes ein, wenn ich einfach so an den Soldaten vorbeigehen kann. Zugegebenermassen wirke ich dann wohl etwas hochnaessig.

Heute ist der erste Freitag im Ramaddan. In kurzer Zeit faengt das Freitagsgebet an. Immer mehr Menschen werden von den ankommenden Bussen ausgespuckt. Die Strassen sind voller Pilger, vor allem aeltere Frauen und Maenner. Heute tragen fast alle Frauen einen Schleier. Auch viele der Maenner kommen in traditioneller Kleidung und der typischen Kopfbedeckung. Nur die sonst fuer den Freitag so typischen Strassenhaendler fehlen wegen der Anwesenheit der Polizei.

Die Menschenmassen draengen sich schwitzend in Richtung Damaskustor. Denn von dort fuehrt ein Weg durch die Altstadt direkt zum Tempelberg, wo sich der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel ueber die Stadt erhebt und sich die Al-Aksar Moschee befindet. Ausserdem ist unterirdisch in den Staellen Salomons, die aber gar nicht aus der Zeit Salomons stammen, eine grosse Moschee gebaut worden, um die Mengen der Betenden annehmen zu koennen.

Es ist heiß zu Beginn dieser letzten Oktoberwoche. Kaum zu glauben, daß der Himmel immer noch ungetrübt blau ist und die Sonne noch immer vom Himmel herab brennt. Eigentlich sollte längst der Regen einsetzen und das Land mit dem willkommenen Naß versorgen, daß so bitter benötigt wird. Aber der liebe Gott hat beschlossen, den Ramaddan mit einem wunderschönen Spätsommer zu begrüßen.

Als ich so bei Notre Dame gegenüber dem New Gate stehe und die Polizisten beobachte, die die eintretenden Menschen, vor allem junge Männer, kontrollieren, fangen meine Blicke an zu schweifen. Die Mauern der Altstadt leuchten in einem warmen Goldton in der Sonne, die Dattelpalmen ragen über dem ehemaligen Markt vor der Toren der Altstadt majestätisch in den Himmel hinauf. Ihre grünen Blätter heben sich leuchtend von dem klaren Blau des Himmels ab. Unter ihnen eilen in buntem Gemenge die Pilger zum Gebet. Hupend drängen sich die Autos den Berg hinunter, um noch schnell einen Parkplatz zu finden. Zusätzliche Polizisten regeln den Verkehr und stoppen die heranrollenden Fahrzeuge, damit ich mit den anderen Wartenden die Straße überqueren kann, denn die Fußgängerampel ist ausgefallen.

So viele Menschen hat die Altstadt schon lange nicht mehr gesehen. Seit die Touristen ausbleiben, wirkt sie leer und traurig, oft wie ausgestorben. Ihre engen Gassen, in denen es früher nur so von Menschen aus aller Welt wimmelte, bleiben leer, ihren Mauern bleibt nur noch die Erinnerung an das Stimmengewirr, die vielen verschiedenen Sprachen, die aus den Mündern der Pilger und Touristen aus aller Welt hervorsprudelten und sich mit den Kehllauten der Araber aus dem Markt vermischten. Es ist noch gar nicht so lange her, da verlor ich in diesen Straßen den Überblick, ganz einfach, weil sie völlig überfüllt waren. Und dennoch vermisse ich diese Zeit, in der ich mich einfach von den Besucherströmen habe treiben lassen. Hier waren Pilger mit Kreuzen auf den Weg zur Auferstehunskirche. Wir schlossen uns ihnen eine Weile an, um dann unseren Weg durch den Markt fortzusetzen. Dort war eine Gruppe amerikanischer Touristen unterwegs, die einen sehr guten Reiseführer hatten. Wir hörten ihm eine Weile zu, lernten etwas über die Geschichte der Straßen, durch die wir liefen und setzten uns vor einem kleinen Restaurant ab, um arabischen Kaffee mit Kardamom zu geniessen und uns etwas auszuruhen.

Der Kaffee ist mir zusammen mit den Erinnerungen geblieben. Aber heute gibt es keinen Kaffee. Die Restaurants sind bis in die Abendstunden geschlossen, bis offiziell das Fasten gebrochen werden darf. Dann werden die Menschen nach Hause eilen. Mit leeren Mägen und durstig durch die Hitze und das Verbot, auch nur einen einzigen Tropfen Wasser zu geniessen, werden sie zu Hause von ihren Frauen erwartet, die den Tag damit verbracht haben, Essen für das Fastenbrechen vorzubereiten. Die ganze Familie wird sich versammeln, und gemeinsam werden sie den ersten Schluck Wasser trinken und ein paar Datteln essen, bevor sie mit dem eigentlichen Mahl beginnen.

Für uns Euopäer klingt es grausam, einen ganzen Monat fasten zu müssen. Und das in dieser Hitze. Ja, manchmal fällt der Ramaddan schließlich auch auf die Sommermonate. Da fällt es besonders schwer, den ganzen Tag nichts zu drinken. Außderm sind dann die Tage länger, das heißt, auch das Fasten dauert länger. Aber Tatsache ist, daß der Monat Ramaddan ein schöner Monat ist. Alle haben neue Kleidung an, die Kinder bekommen Geschenke. Es herrscht eine feierliche Stimmung unter den Menschen. Sogar noch sehr kleine Kinder wollen schon am Fasten teilnehmen. Sie sind stolz darauf, Teil der Gemeinschaft zu sein, die jetzt einen Monat lang weltweit gemeinsam fastet. Und es stimmt, ich habe es selbst ausprobiert. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man am Abend stolz feststellt, daß man es geschafft hat, wie Millionen andere Menschen auch, den ganzen Tag weder zu essen noch zu trinken. Und dann erklingt der Muezzin in der ganzen Stadt. Laut und feierlich ruft er zum Gebet auf und läßt gleichzeitig wissen, daß das Fasten vorbei ist. Und tatsächlich steigt aus der Stadt der Geruch nach frischem Brot und gebratenen Fleisch auf. Und unter den Rufen des Muezzins ergreift auch mich eine Festtagsstimmung und erinnert mich an die Heiligkeit dieser Stadt.

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