Man konnte den Herbst bereits riechen

Es war ein schoener Spaetsommertag. Draussen zeichneten sich feine weisse Woelkchen am Himmel ab. Und dazwischen immer wieder blau. Und weiter hinten, am Horizont, ging gerade die Sonne in aller Pracht unter. Sie faerbte den Himmel rot, rosa und orange, und schickte ihre letzten Strahlen durch die Wolken, so dass die Haeuserdaecher der Stadt in ein warmes Gold getaucht wurden.
Unten, auf der Strasse lief ein Paerchen Hand in Hand unter den Baeumen entlang. Das Maedchen schien ganz in den Sonnenuntergang versunken und waere fast ueber den Bordstein gestolpert, wenn der Junge sie nicht festgehalten haette. Es duftete nach Jasmin, Geranien und anderen Blueten. Suess und schwer hing ihr Geruch in der Luft und betaeubte die Sinne. Aber etwas anderes begann sich in den Duft des Sommers zu mischen. Eine Art Feuchtigkeit und eine Ahnung von muede gewordenen Blaettern. Es war der Herbst. Heimlich hatte er sich in diesen Tag gestohlen, und nun, im Dunkelwerden, begann er, sich in den Strassen auszubreiten. Er schickte einen kuehlen Wind in die Falten der sommerlichen Kleidung, und das Maedchen froestelte. Sanft strich er ueber das lange, dichte Haar und wehte ihr eine Straene ins Gesicht. Fast geistesabwesend schuettelte sie den Kopf, nicht faehig, eine Hand zu heben, um sich das Haar aus dem Gesicht zu streifen. Fragend schaute der Junge zu seiner Freundin hinueber. Aber er erhielt keine Antwort.
Hastig geworden zog sie nun beinah an ihm, waehrend sie ueber die Strasse eilte. Die Sonne war bereits untergegangen, und einige wenige Strassenlaternen versuchten mit maessigem Erfolg, der Dunkelheit herzuwerden. Hier und dort schickten sie Lichtkegel auf Buergersteig und Strasse und liessen kurz die Kleider und Gesichter der Passanten aufblitzen, bevor sie wieder dem Dunkel preisgegeben wurden. Am Ende der Strasse erschien in freundlichem Licht ein Cafe. Stimmengewirr und Gelaechter drang aus der Tuer und lud das Paerchen ein. Eine Welle wohltuender Waerme schwappte ueber sie, als sie eintraten. Ploetzlich wieder ruhig und ohne Hektik setzte sich das Maedchen auf einen Stuhl an der Bar und begann ein Gespraech mit dem Kellner. Der Junge bestellte sich einen Tee und setzte sich neben das Fenster. Draussen fing der Wind poetzlich an zu heulen und schlug wuetend die Tuer zu. Er fegte ein paar Blaetter von den Baeumen auf die Strasse. Doch niemand beachtete ihn. Da zog der Herbst sich noch ein letztes Mal leise zurueck und hinterliess nur einige abgerissene Blaetter vor einer Cafetuer.

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