Eine Weihnachtsgeschichte

Stille Nacht…

Es hatte noch nicht geschenit dieses Jahr, einen Tag vor Heiligabend. So wie es aussah, würde es wieder einmal keine weiße Weihnacht geben. Es war sogar ungewöhnlich warm für einen Wintertag. Die Sonne schien besonders hoch am Himmel zu stehen und tauchte die Dächer der winterlich-weihnachtlichen Stadt in ein goldenes Licht. In den Straßen jedoch bemerkte es niemand der vielen Menschen, die, warm eingepackt in dicke Wintermäntel und in Schal und Mütze gehüllt, von Geschäft zu Geschäft eilten, um ihre letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen.
Nur ein alter Mann stand inmitten der hektischen, schwitzenden Menschenmenge und schaute zwischen den hohen, eng zusammengerückten Häusern nach oben hinauf. Jetzt war Weihnachten nicht mehr weit. Nicht hier unten, bei all den mit Tüten bepackten hin- und herrennenden Menschen und den unzähligen Kaufhäusern und Geschenkboutiquen, in denen unentwegt die Kassen klingelten und alle Verkäuferinnen kurz vor einem Nervenzusammenbruch standen, konnte er fühlen, daß Weihnachten war. Aber die von der Sonne leuchtenden Dächer der Altstadt weckten in seinem Herzen diese ganz bestimmte, alljährlich wiederkehrende Weihnachtsstimmung. Er hatte schon vor Jahren aufgehört, die Tage zu zählen. Aber er fühlte immer, wenn Weihnachten vor der Tür stand. Und er hatte sich noch nie geirrt.

Der alte Mann wußte nicht, wie lange er schon so dagestanden und zum Himmel hinaufgeschaut hatte, denn er zählte auch die Stunden schon lange nicht mehr. Aber plötzlich fröstelte er. Ihm war kalt. So setzte er seinen Weg fort. Er ging durch die Geschäftsstraßen und betrachtete gelassen die vielen verlockenden Angebote in den Auslagen, ohne jedoch ein Verlangen nach diesem oder jenem zu verspüren.
Nur vor einem kleinen, unscheinbaren Bekleidungsgeschäft machte er Halt. Er schaute an sich herunter und bemerkte, daß er gar nicht für Weihnachten gekleidet war. Zwar war er im großen und ganzen schon mit sich zufrieden. Schließlich legte er immer besonderen Wert auf seine Kleidung. Dennoch fehlte zumindest eine festliche Fliege und ein neues Paar Schuhe. So schaute der alte Mann nach, ob er sich diese Dinge denn leisten könne und betrat daraufhin den Laden. Eine kleine Glocke begann heftig zu klingeln, als er die Tür öffnete.

Als es dunkel wurde, ging der alte Mann noch immer durch die Stadt. Er verließ die hell erleuchteten Einkaufsviertel und wand sich Richtung Stadtpark. Dort hatte der letzte Abend des Weihnachtsmarktes begonnen. Die Luft war erfüllt von den Düften gebrannter Mandeln und klebriger Zuckerwatte. Kleine Kinder strahlten an den Händen ihrer Eltern, zufrieden an einem Lebkuchenherz oder an einem in süße Schokolade getauchten Apfel knabbernd. Aus den Lautsprecherboxen des Kettenkarussels klang ein Weihnachtslied, und der Wind brachte die leisen Töne eines Leierkastens zu ihm herüber.
An einem Süßigkeitenstand, der aussah wie ein Hexenhäuschen aus „Hänsel und Greteö“, kaufte sich der alte Mann eine Tüte Walnüsse. Langsam schlenderte er über den Markt. Es wurde ruhiger um ihn herum, denn er hatte die meisten Stände schon hinter sich gelassen. Das Kettenkarussel war nur noch andeutungsweise zu hören, und auch der Leierkasten war verstummt.

Der alte Mann verließ den Weihnachtsmarkt und ging tiefer in den Park hinein. Hier waren die Wege spärlicher beleuchtetm und nur wenige aus Lichterketten geformte Weihnachtssterne schmückten die Laternen. In dieser Gegend fühlte er sich wohl. Es war ruhigm und er konnte die Geräusche der Eichhörnchen in den Baumwipfeln hören. Der Himmel war sternenklar. Auch der Mond schien hell und verwandelte den Park mit seinem geheimnisvollen weißen Licht in eine Märchenwelt.
Müde setzte der alte Mann sich auf eine Parkbank und warf den Eichhörnchen ein paar Walnüsse zu. Die kleinen Tiere schnappten sich die Nüsse mit ihren Pfötchen und verschwanden schnell wieder in den Wipfeln der Bäume. Lächeln schaute er ihnen zu und zog seinen Mantel ein wenig enger um sich. Er lehnte sich auf der Parkbank zurück und beobachtete die Sterne.

Über Nacht hatte es geschneit. Die Eichhörnchen hatten kleine, feine Spuren im Schnee hinterlassen. Stille hatte sich über die Bäume gelegt, die über und über mit Schnee bedeckt waren. Der ganze Park war weiß, und der Schnee glitzerte verführerisch in der Wintersonne. Es war eisig kalt, so daß einem beinahe der Atem in der Luft gefror. Aber der alte Mann fror nicht mehr.

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2 Gedanken zu “Eine Weihnachtsgeschichte

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