Der Himmel über Jerusalem

Dichte dunkle Wolken bedecken heute den Himmel. Die sonst so trockene Luft riecht frisch und feucht. Der Geruch des Rasens und der Erde vermischt sich mit dem Duft junger, zarter Blätter und verblühter Mandelbäume. Hellgrün leuchten die Blätter der Bäume in den warmen Sonnenstrahlen. Rot und weiß blühen die Oleanderbüsche in den Trögen auf dem Bürgersteig um die Wette. Ihre dicken, vollen Blüten ziehen Schmetterlinge und Bienen gleichermaßen an. Leise brummelt es zwischen den länglichen Blättern der Büsche. Ein kühler Wind streicht durch die Bäume, die den Weg zur Bushaltestelle säumen und bringt die Blätter auf den Pflastersteinen zum Rascheln. Ungewöhnlich klar und deutlich ist das Zwitschern der blauen Vögel, die von Ast zu Ast hüpfen, das Gefieder vom Wind aufgeplustert. Ein kleiner Vogel schwirrt gleich einem Kolibri zwischen den Bäumen umher. Mal setzt er sich auf den einen Ast, mal auf den anderen, aber nie stehen seine zarten Flügel still, nie ruht er wirklich aus. Auf den Dachfirsten gurren die Tauben um die Wette. Gemütlich rekelt sich eine schwarze Katze auf dem Gehsteig. Gelassen beobachtet sie den kleinen Vogel, wie er zwischen den Oleanderbüschen hin und hereilt. Träge verfolgen ihre Augen das Schauspiel, um sich gleich wieder zu schließen.

Es riecht nach Regen. Die Wolken werden immer dichter und dunkler und hüllen die wartenden Menschen in graue Kühle ein. Zaghaft und sanft beginnen Tropfen, ganz klein, vom Himmel zu fallen und hinterlassen auf dem grauen Asphalt kleine schwarze Punkte. Unmerklich wird die Strasse immer dunkler und beginnt leicht zu glänzen. Das Geräusch von Autoreifen auf feuchter Strasse wird deutlicher und klarer. Fröstelnd hüllen die Wartenden sich in ihre Mäntel ein und drängen sich dicht zusammen unter dem Dach der schützenden Bushaltestelle. Ein kräftiger Windstoss fährt in Haare und Kleidung und lässt die Hände erkalten. Dankbare Blicke empfangen den anrollenden Bus. Mit einem lauten Seufzer öffnet sich die Tür und nimmt die drängende Herde auf. Die Ampel springt auf Grün um, und schon ist die Strasse leergefegt. Nur ein kleiner grauer Hund zottelt den Bürgersteig entlang und streckt seine glänzende schwarze Schnauze in den regenvollen Wind.

Die Luft im Bus ist stickig und feucht. Aus den Mänteln der Fahrgäste steigt dampfend das Wasser auf und beschlägt die Fenster. Eine alte Frau sitzt auf ihrem engen Stuhl, die volle Einkaufstasche zwischen ihre Knie gedrückt. Der Saum ihres langen Rockes schleift auf dem schmutzigen Boden des Busses. Neben ihr sitzt eine junge religiöse Frau. Das Kind auf ihrem Schoss weint leise vor sich hin, während die Mutter ihren Oberkörper konzentriert über einem hebräischen Gebetbuch hin und her wippt. Ihre Lippen murmeln lautlos die Zeilen der Gebete mit.

Der Bus quält sich langsam durch den Stau der Stadt. Direkt, wo er die Strasse am „Mount Zion Hotel“ erreicht, gibt sie plötzlich den Blick auf die Altstadt frei. Just in diesem Moment schiebt sich die Sonne für einen kurzen Augenblick zwischen den Regenwolken hervor und lässt die alten Mauern golden erleuchten. Nicht umsonst wird Jerusalem auch „Die Goldene“ genannt. Neben der Strasse winden sich Pflanzen um zwei hoch gewachsene Zypressen, die über und über mit kleinen gelben Blüten bedeckt sind. Auf den Felsen vor der Altstadt breitet sich in sattem Grün der Rosmarin aus und bietet einen schönen Kontrast zu den goldenen Mauersteinen und dem wolkenverhangenen Himmel.
Gegenüber der Altstadt leuchtet das Stadtviertel Montifiori ebenfalls auf, und die nassen Dächer der Häuser glänzen in der Sonne.

Am Jaffator spuckt der Bus die Menschenmenge wieder aus. Tüten und Taschen werden eilig zusammengerafft. Die religiöse Mutter steckt ihr Gebetsbuch in die Tasche ihres weiten Anoraks und drängt aus dem Bus, in einem Arm das immer noch weinende Kind, im anderen den zusammengeklappten Kinderwagen. Sie ruft aus dem hinteren Busteil die älteren Kinder herbei, alle beladen mit Einkäufen für das Wochenende. Die alte Frau steht als letzte auf. Sie streicht ihren Rock glatt und nimmt ihre Einkaufstasche vom Boden hoch. Einer der Fahrgäste bietet ihr seine Hilfe an, doch sie besteht darauf, ohne Hilfe auszukommen. Langsam geht sie die beiden Stufen hinunter und bleibt kurz auf dem Bürgersteig stehen, während der leere Bus den Motor wieder startet und in Richtung Busbahnhof verschwindet. Dann nimmt sie ihre Tasche erneut hoch und setzt ihren Weg nach Hause fort. Nun löst sich auch der Stau auf, und es wird ruhiger auf den Straßen.

Die Zeit scheint für einen Moment still zu stehen. Einem Wunder gleich breitet sich eine friedliche Stimmung in der Stadt aus. In wenigen Stunden nur beginnt der Shabat. Und für einen einzigen Tag kehrt Ruhe ein in Jerusalem.

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