Novembernachmittag

Nachdem es tagelang gewittert und geregnet hat, ist es heute relativ warm, und vor allem trocken.

Nach einem ruhigen Vormittag sind wir nun am frühen Nachmittag auf dem Spielplatz gelandet. Die Kinder haben Katzenfutter dabei für ein kleines rotes Katerchen, dass schon sehnsüchtig wartet.

An diesem Shabbat ist es ruhig. Nur wenige Kinder spielen auf den Rutschen und Schaukeln. Meine kleine hat in ihrer lustigen Mischung aus Hebräisch, Deutsch und Englisch sofort Freundschaft mit zwei kleinen Kindern gefunden. Sie teilen sich das wilde Katerchen ebenso wie eine kleine Schnecke, die sie im Gebüsch gefunden haben.

Die Grosse weiss nicht so genau, was sie mit sich anfangen soll und fährt auf ihrem neuen Fahrrad Runde um Runde um Runde.

Ich schaue in den graublauen Novemberhimmel und freue mich über den schönen Tag.

Schon bald wird es laut, wenn die Mütter mit ihren Kindern kommen, während die Väter im Vorhof der Synagoge beten.

Hier zwischen Kinderlachen und warmem Herbsttag ist es fast, als gebe es gar kein Corona….

I

Diese Nacht ist anders …

„Ma Nishtanah baLeila hase“ – „Was ist anders in dieser Nacht?“ ist eine Frage, die Juden auf der ganzen Welt am Pessach Abend stellen. Sie ist Teil des Seder Abends, der normalerweise in großer Runde mit der Familie gefeiert wird.

Dieses hat jedoch hat Israel ein absolutes Ausgehverbot für die Seder-Nacht verhängt. Niemand darf seine Wohnung verlassen. So soll verhindert werden, dass die Menschen sich anstecken.

Auf den ersten Blick trennt es das Volk, das Land, die Familien voneinander. Wo das Miteinander doch gerade an Pessach, am Fest, dass an die Rettung aus der Sklaverei, an die Freiheit erinnern soll. Und die Freiheit, das Haus an diesem Abend zu verlassen, um mit denen zu feiern, die einem am liebsten sind, genau diese Freiheit ist nun weg.

Und doch, heute Abend, um genau 20.30h bin ich mit meinen Töchtern auf den Balkon getreten, wie viele tausende Israelis im ganzen Land auch. Und alle haben sie gemeinsam gesungen: „Ma Nishtanah baLeila hase“. Und es war wunderschön. Ein ganzes Volk, getrennt, und doch zusammen.

Ich wünsche allen meinen jüdischen Freunden ein Frohes Pessach Fest – Nächstes Jahr gemeinsam in Jerusalem!

Draußen vor der Tür

Es ist ganz still da draußen vor der Tür.
Ein dicker Nebel hat sich über die Stadt gelegt
und reicht fast bis zu unseren Fenstern.
Dahinter versinkt alles in weißer Watte.
Leichter Nieselregen läuft an den Fensterscheiben herunter.
Und während auf meinem Balkon Märzenbecher und Alyssum um die Wette blühen und die Wiedergeburt der Frühlings mit intensivem Duft erfüllen,
steht unten vor der Tür das Leben still.

Das Leben ist schön

Meistens liegt die Schönheit des Lebens in den kleinen Dingen:

Das Licht der Abendsonne auf den Häuserfronten

Die kleine Hand eines Kindes, die sich nach einem Stein auf dem Gehweg bückt

Ein dreiblättriges Kleeblatt – das beim nächsten Mal vielleicht ein vierblätteriges wird

Kleine, weisse Wolken am Winterhimmel

Ein Sommergewitter, das sich in aller Wucht in der schwülen Hitze entleert

Zugvögel, die gen Süden fliegen und sich im Frühjahr wieder auf den Rückweg machen

Kinderlachen inmitten von Großstadtstress

Zitroneneis an einem heißen Sommertag

Der erste Schnee im Jahr, der alles zudeckt und zur Ruhe bringt

Ein unerwartetes Lächeln,
das Du mir schenkst.

Gesagte Dinge II

Ich sehe Dich im Spiegel
Glänzende Augen,
Rund, groß
Aber kein Lächeln

Die Traurigkeit
Sie steht Dir
Deine Augen leuchten
Auch ohne Lächeln

Dein Herz tut Dir weh
Du sehnst Dich nach Dingen
Die nie wirklich
Gewesen

Und dennoch
Keine Tränen
Nur große, runde Augen
Und ein Glänzen

Hattest Du nicht gesagt
Es ist schön?

Heute war es plötzlich anders

Heute bin ich geflogen. Mal wieder. Wie so oft. Ich fliege gerne. Ich liebe die Geschäftigkeit von Flughäfen. Den Aufbruch der Menschen. Die einen fliegen, um anzukommen. Die anderen fliegen weg. Die einen fliehen, die anderen eilen. Aber immer sind alle in Bewegung. Von einem Ort zum anderen. Und hier, am Flughafen, nach der Passkontrolle, sind wir alle irgendwie im Niemandsland. Ausgecheckt, aber noch nicht wieder eingecheckt. Ein Schwebezustand irgendwie.

Normalerweise gehöre ich zu denen, die fliehen aus diesem Land. Zurück in die Heimat. Weg von dort, wo ich nie wirklich dazugehöre. Wo ich immer im Zwischenland lebe. Nicht in der Fremde, aber auch nicht zu Hause. Willkommen? Vielleicht. Dazugehören? Niemals so ganz.

Und wenn das Flugzeug dann abhebt, langsam die Lichter kleiner werden, und vorn schon der schmale Streifen zwischen Land und Meer erscheint. Wenn das Land immer weiter wegrückt, das Meer immer weiter und blauer und tiefer wird. Dann komme ich der Heimat ein Stück näher. Der Heimat, die längst auch Fremde ist.

Aber heute, heute schaue ich aus dem Fenster hinaus. Schaue, wie die Lichter von Jaffa sich im Meer spiegeln. Und irgendwo in mir drin ist da eine Stimme, die sagt: „Bis bald, Du. Mein Zuhause. Ich komme wieder. Zurück.“

Gesagte Dinge I

Gesagte Dinge I

Hab ich das tatsächlich gesagt zu Dir, Anfang letzter Woche? Als wir da gemeinsam in der Küche standen und über Dinge sprachen, über die wir vielleicht gar nicht hätten sprechen sollen. Über Dich und über mir, aber nicht über uns. Ich in ein Handtuch eingewickelt nach der Dusche. Ein Handtuch, das nach Dir roch. Und jetzt auch nach mir. Nach einer Begegnung am Morgen, so flüchtig, als hätte sie gar nicht stattgefunden.

Wieviele Begegnungen dieser Art in einer Woche verträgt das Herz? Jede einzigartig in sich. Flüchtig und intensiv. Vielleicht für die Ewigkeit. Ich hatte schon fast vergessen, wie sich das anfühlt. Das Streicheln der Haut, der Schlag eines Herzens. Dachte ich.

Werden wir uns etwa fremd mit der Zeit, die vergeht? In der wir uns nicht sehen? Als ich da im Handtuch vor Dir stand, die laute Discomusik Deiner Erinnerungen in der Wohnung, da war nichts fremd. Da war alles so vertraut, als sei es schon immer so gewesen.

Und da habe ich es gesagt. Liebeskummer ist doch auch etwas schönes. Immerhin fühlst Du Dich lebendig, spürst Dich. Die Gefühle, die Dich überrollen. Das ist Leben, Lebendigkeit.

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne, hat Hesse geschrieben. Und ja, das stimmt. Und das wissen wir auch. Aber dennoch, wenn es dann da ist, tut es doch weh. Einfach so. Ich würde jetzt gern wieder in Deiner Küche stehen. Im Handtuch. Oder in Jeans. Und Dir sagen, dass es vielleicht doch nicht so schön ist. Und dann könntest Du mich in den Arm nehmen, vielleicht. Und dann hätte das Ende doch was schönes. Einen Anfang. Vielleicht. Mit Dir.

Aber so ist es nur ein Ende. Nicht mit Dir. Eine andere Begegnung. In derselben Woche. Aber alles bleibt. In mir.